Aufruf zur Demo
"LINKE FREIRÄUME SCHAFFEN...UND VERTEIDIGEN"


In den siebziger und achtziger Jahren entwickelte sich Göttingen zu einem Zentrum der westdeutschen Hausbesetzer_innenbewegung. Hier und in zahlreichen anderen Städten unternahmen linke Aktivist_innen den Versuch, politische Grundannahmen in Alltagspraxis umzusetzen. Derartige Häuserkämpfe konnten mit Wohlwollen und Unterstützung seitens der linksliberalen Öffentlichkeit rechnen. Die Radikalität, mit der Privateigentum und das staatliche Gewaltmonopol gleichermaßen in Frage gestellt wurden, beantwortete der Staat mit massiver Polizeigewalt. Die Auseinandersetzungen wurden oftmals mit einer heute mitunter schwerlich nachzuempfindenden Härte geführt. Angesichts einer zahlenmäßig verringerten Linken und eines kontinuierlich aufgerüsteten Polizeiapparats ist es heute nicht mehr vorstellbar, die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht derart vehement einzugehen. Ohnehin sind diese Bemühungen seit einigen Jahren zumeist defensiver Natur: in zahlreichen Städten war und ist der Fortbestand linker Wohnprojekte, Wagenplätze und autonomer Zentren gefährdet und es bleibt eher die Ausnahme, dass der Einsatz um den Erhalt solcher Projekte erfolgreich ist. Gerade in kleineren Städten hat diese Entwicklung kulturelle Ödnis und zunehmende politische Konformität zur Folge.

In Göttingen existieren seit Jahrzehnten zahlreiche Einrichtungen, Initiativen und politische Gruppen, die bis heute insgesamt als 'linke Szene' bezeichnet werden können. Aus ihr sind Einrichtungen hervorgegangen, welche über die Bedeutung für die Szene selbst hinaus das Stadtbild und das kulturelle Geschehen in Göttingen positiv geprägt haben. So erschließen sich allen Interessierten viele Möglichkeiten der links-orientierten Lebensgestaltung im Theaterkeller, JuZI, Café Kabale, Buchladen Rote Straße und in den (noch) zahlenmäßig vielen Wohngemeinschaften sowie anderen sozialen Zusammenhängen und Initiativen in dieser Stadt. Dem entgegen ist der öffentliche Raum zunehmend darauf ausgerichtet, normabweichendem Verhalten vorzubeugen. Die einzige Form, in der sich derzeit Spontanität im innerstädtischen Raum auszudrücken vermag, besteht darin, Geld auszugeben. Die Jugendlichen, welche sich allabendlich am Wilhelmsplatz zusammenfinden, stehen nur im vermeintlichen Widerspruch zu einer auf Konsum ausgerichteten Innenstadt. Dennoch sind sie fortwährender Repression ausgesetzt: schließlich sind trinklustige, lärmende Jugendcliquen unvereinbar mit dem Prestigeobjekt Wilhelmsplatz, der eine saubere und in einem autoritären Sinn geordnete Universitätsstadt repräsentieren soll.

Wenngleich sich die repressive Gestaltung des öffentlichen Raums in einer beschaulichen Kleinstadt wie Göttingen nicht so drastisch und offensichtlich vollzieht, wie dies aus einigen Großstädten bekannt ist, geschieht sie trotzdem konsequent. Zwar ist eine flächendeckende Videoüberwachung derzeit nicht mehrheitsfähig, dennoch vollzieht sich die Befriedung der Innenstadt auch hier ausschließlich gewaltförmig und repressiv, nämlich durch massive, oftmals brutale Polizeieinsätze. (Dass bei kollektiven Besäufnissen im öffentlichen Raum Vater Staat ausnahmsweise auch mal ein Auge zudrücken kann, bewiesen indes die dummdeutschen Feierlichkeiten während der Fußball WM im vergangenen Sommer.) Auch in Göttingen bestehen stadtplanerische Konzepte, die finanzschwache Menschen aus der Innenstadt vertreiben. Nicht zufällig werden in der City keine bezahlbaren Wohnungen neu geschaffen. Es ist nicht einmal nötig, mit dem eigenen Verhalten den reibungslosen Konsum zu stören. Es reicht schon, dass Menschen selbst nichts dazu beitragen; schon gelten sie als Störfaktoren, denen kein öffentlicher und an bestimmten Orten auch kein privater Raum gewährt wird. Wie friedliche Inseln im tobenden Meer erscheinen da die sozialen und kulturellen Institutionen, die wir als linke Freiräume innerhalb der bestehenden Verhältnisse verteidigen wollen.

Wenn wir dazu aufrufen, 'linke Freiräume' zu schaffen und zu verteidigen, so gilt für uns, dass es sich dabei um relative Freiräume handelt. Relativ, weil diese Freiräume kein Außen zur gesellschaftlichen Totalität darstellen. Im Hier und Jetzt gibt es „aus der Verstricktheit keinen Ausweg“ (T.W. Adorno) und linke Freiräume sind keine Vorwegnahme eines Besseren im schlechten Bestehenden. Dennoch stehen diese Freiräume für den kollektiven Versuch, emanzipatorische Ideen im Alltag zu verwirklichen, soweit dies trotz der miesen bestehenden Verhältnisse eben möglich ist. Wie prekär linke Freiräume oftmals sind, zeigt sich derzeit anhand der Häuser in der Roten Straße, dem Kreuzbergring und der Gotmarstraße. Das Studentenwerk beabsichtigt, durch die Kündingung der bisherigen Verträge den Bewohner_innen die Anerkennung als Kollektiv zu entziehen. Das Wohnen soll künftig strikt reglementiert ablaufen, mit Einzelmietverträgen und Wohnzeitbegrenzung. Diesen vermeintlichen Verwaltungsakt betrachten wir als eine qualitative Verschlechterung unserer Wohnsituation, eine Verschlechterung, die wir nicht einfach hinnehmen werden. Die Kündigungen bzw. deren Androhung sind zurückzunehmen! Die linke Szene, wie sie derzeit in Göttingen vorzufinden ist, mit ihren Treffpunkten, kulturellen Aktivitäten und einer Vielzahl an politischen Gruppen kann nicht einfach als gegeben vorausgesetzt werden: sie bedarf nicht zuletzt solcher selbstverwalteter Projekte. Brechen diese weg, besteht die Gefahr, dass auch Göttingen zu einem studentisch geprägten Provinzkaff mit öde konformistischem Klima wird, wie dies in manch anderer einstmals 'linken Unistadt' schon längst geschehen ist. Nicht zuletzt deshalb gilt es jene Orte zu verteidigen, an denen der Versuch unternommen wird, einen Alltag jenseits der üblichen Scheußlichkeiten zu führen.


Luxus und Lotterleben für alle!