Stadtchronik 1977- 1995


9. März 1977

Mit einem Polizeiaufgebot von mehr als 500 Mann wird mit dem Abriß der Häuser Weender Straße 77, 79, 81 (Reitstallviertel) begonnen. Zweiundzwanzig Hausbesetzer leisten im Städtischen Gebäude 79 Widerstand. Am Nachmittag folgen ca. 1000 Personen einem Demonstrationsaufruf der "Bewohnerinitiative Nördliche Innenstadt".

4. Juni 1980

An der Besetzung der Bohrstelle 1004 bei Gorleben beteiligen sich auch ca. 50 Göttinger Studenten. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Räumung des genannten Geländes startet vom Campus der Universität Göttingen ein Demonstrationszug mit ca. 2 000 Personen in Richtung Innenstadt zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz.

12. November 1980

Der Besuch des Bundespräsidenten Professor Dr. Carl Carstens und des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Dr. Ernst Albrecht anläßlich der Jahreshauptversammlung der DFVLR in Göttingen wird von Demonstrationen mit dem Motto "Wohnungsbau statt Rüstungsschau"' begleitet. Es kommt zu Ausschreitungen und Festnahmen.

20. November 1980

Die Büroräume des zukünftigen Oberstadtdirektors Vieten werden durch 21 Göttinger Hausbesetzer gewaltsam besetzt. Bei einer anschließenden nicht zugelassenen Demonstration kommt es vor dem Alten Rathaus zu Auseinandersetzungen der Demonstranten mit der Polizei.

12. Dezember 1980

Ca. 250 Jugendliche, die sich "Initiative gegen Wohnungsnot" nennen, besetzen die Häuser Jüdenstraße 35 und die ehemalige Prager Schule und verbreiten ihre Forderungen mit Flugblättern.

31. Dezember 1980

Ca. 300 junge Leute versammeln sich zur Silvesterfeier vor dem Alten Rathaus. Es werden Scheiben umliegender Geschäfte eingeschlagen, es kommt zu Plünderungen. Die Hausbesetzer übernehmen einen Teil der Verantwortung, distanzieren sich aber nicht eindeutig von den Gewaltakten. es kommt zu Prügeleien mit der Polizei. Auf beiden Seiten gibt es zahlreiche Verletzte.

1. Januar 1981

Kurz nach Mitternacht (0.32 Uhr) beginnen ca. 300 junge Leute, davon ca. 120 Personen aus der "Hausbesetzerszene", Fenster Göttinger Geschäfte einzuwerfen, Auslagen zu entwenden und sich mit der Polizei eine blutige Straßenschlacht zu liefern. 13 Polizeibeamte und zahlreiche Demonstranten werden z.T. erheblich verletzt.

6. Januar 1981

Ca. 1200 Jugendliche demonstrieren im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Silvesternacht. Es kommt zu keinen Zusammenstößen.

8. Januar 1981

Im Foyer des Neuen Rathauses findet der traditionelle Neujahrsempfang der Stadt statt, an dem auch ca. 50 junge Leute der "Hausbesetzerszene" teilnehmen. Oberbürgermeister Levi geht in seiner Ansprache auf die Wohnungsproblematik in Göttingen ein.

4. Februar 1981

Die seit Mitte Dezember 1980 von "lnstandbesetzern" okkupierten Häuser Jüdenstraße 35 und Ritterplan 2/3 werden am Abend von der Polizei geräumt. Die Besetzer, die die Häuser vorher verlassen hatten, bauen Straßensperren. Begleitet wird die gesamte Aktion von einer Demonstration, an der ca. 2000 junge Menschen teilnehmen.

5. Februar 1981

Im Zusammenhang mit der Räumung der beiden Häuser Jüdenstraße 35 und Ritterplan 2/3 kommt es zu schweren Ausschreitungen im Bereich des "Alten Klinikums". Brandsätze werden in den Räumen der Bauverwaltung des Landkreises gelegt (20 000 DM Schaden) und die Scheiben des Hauses "CDU-Kreisverband" eingeschlagen. An der nicht angemeldeten Demonstration beteiligten sich ca. 3 000 Personen.

6. Februar 1981

Unter dem Motto "Mehr Wohnraum" demonstrieren erneut ca. 2 000 Personen durch die Göttinger Innenstadt und versammeln sich gegen 17.00 Uhr vor dem Neuen Rathaus, wo zu diesem Zeitpunkt die monatliche Ratssitzung beginnt. Polizei riegelt den Eingangsbereich hermetisch ab.

Der illegale Radiosender der "Hausbesetzer" sendet weiter. Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt gegen "Radio Pflasterstein", die Bundespost konnte bislang den Standort nicht ermitteln.

13. März 1981

1 500 Personen nehmen an der Demonstration gegen die "Hausbesetzer"-Vorfälle in Nürnberg und Freiburg/Br. teil. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

30. März 1981

Im Zusammenhang mit der Räumung der wenige Stunden lang besetzten Häuser in der Friedrichstraße (Chinesisches Restaurant und angrenzende Fabrikhallen) kommt es während der Nacht zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen "Hausbesetzern", Sympathisanten und Polizei. Barrikaden werden errichtet und in Brand gesetzt, Autos demoliert, Fenster eingeschlagen. Die Polizei geht mit Wasserwerfern und schwerem Gerät vor.

8. April 1981

30 junge Menschen besetzen am Vormittag die Jacobikirche, um auf die Situation der sich im Durst- und Hungerstreik befindlichen Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) aufmerksam zu machen.

12. April 1981

Unbekannte Täter verüben terroristische Brandanschläge auf Amtsgericht und Stadthalle und zertrümmern Schaufensterscheiben in der Innenstadt.

1. Mai 1981

Ca. 80 vermummte und mit Brandfackeln ausgerüstete junge Leute ziehen in der Nacht zum 1. Mai randalierend durch die Stadt, beschmieren Häuserwände und Autobusse, legen Feuer und greifen Fußgänger an.

6. Mai 1981

Bis weit nach Mitternacht ziehen sich die schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei, "Hausbesetzern" und deren Sympathisanten (ca. 400 Personen) im Gelände der alten Universitätskliniken hin. Die Polizei findet bei Hausdurchsuchungen Stahlkugeln, Eisenstangen, Krähenfüße etc.

31. Mai 1981

Ca. 120 Besetzer des Klinikgebäudes der Inneren Medizin verlassen freiwillig, jedoch unter starker Verwüstung, das seit dem 5.2. besetzte Haus; anschließend schlagen sie 16 Zelte im Cheltenham-Park auf.

3. Juni 1981

Nachdem die aus der Universitätsklinik ausgezogenen "Hausbesetzer" (ca. 120 Personen) die Aufforderung erhalten haben, ihre Zelte im Cheltenham-Park abzubauen, ziehen sie in das Neue Rathaus und demolieren zahlreiche Einrichtungsgegenstände (Schaden ca. 15 000 DM). Von dem Angebot des Städt. Wohnungsamtes, in Zimmern von Sozialwohnungen als "Obdachlosenunterkunft" einzuziehen, wollten nur drei Personen Gebrauch machen. Die übrigen beharrten auf ihrer Devise: "Wohnraum für alle oder für keinen".

3. August 1981

Zwei Hundertschaften der Polizei zerstreuen eine Gruppe von Demonstranten, die den Eingang des zum Abbruch bestimmten Hauses Reitstallstraße 5 besetzt halten. Bei der Aktion gibt es keine Verletzten.

18. Dezember 1981

Das Gebäude Reitstallstraße 5, das sich im Besitz der Versicherungsgesellschaft "Allianz" befindet, wird von einer Gruppe junger Leute für einige Stunden "besetzt". Nachdem die Polizei das Haus geräumt hat, formieren sich mehrere hundert "Besetzer" und Sympathisanten zu einem Demonstrationszug durch die Innenstadt.

31. Dezember 1981

In der Silvesternacht kommt es in der Innenstadt, ausgehend vom Platz vor dem Alten Rathaus, wieder zu Krawallen. Eine kleine Gruppe löst sich aus dem Kreis der ca. 700 Personen, die den Übergang in das neue Jahr auf dem Rathausmarkt feiern wollen, werfen Schaufensterscheiben ein und demolieren Fahrzeuge.

31. Dezember 1983

In der Silvesternacht kommt es wieder zu Krawallen und Ausschreitungen. Ca. 150 Personen der etwa 800 auf dem Marktplatz versammelten Menschen beginnen mit der Polizei Schlägereien und werfen zahlreiche Schaufenster ein.

28. Oktober 1986

Nach längerer Zeit erfolgt wieder eine Hausbesetzung (Schiefer Weg 27) durch drei junge Leute. Über das vorübergehend leerstehende städtische Gebäude laufen Renovierungspläne in der Verwaltung.

1. Dezember 1986

Die Räumung mehrerer seit Tagen besetzter Häuser wird von lautstarken Demonstrationen begleitet, es werden zahlreiche Feststellungen zur Person durch die Polizei vorgenommen.

2. Dezember 1986

Mehr als 4000 Demonstranten protestieren in der Innenstadt gegen die polizeiliche Räumung dreier besetzter Häuser und die stundenlange Festnahme von etwa 400 Besuchern des Jugendzentrums am Vorabend. Der Demonstrationszug wird von mehr als 300 Polizisten flankiert.

30. April 1987

Die illegalen Hausbesetzer räumen bei Anrücken der Polizei die Luisen-Schule in der Baurat-Gerber-Straße und hinterlassen die Räume in chaotischem Zustand.

31. August 1988

Die alten Universitäts-Institute am Nikolauberger Weg werden zugunsten des Universitätsbibliotheks-Neubaus abgerissen. Studenten hatten durch eine Hausbesetzung versucht, den Abriß zu verhindern.

5. März 1989

In der Nacht zum 5.3. kommt es in der Innenstadt zu Krawallen und Auseinandersetzungen zwischen Sympathisanten des "Juzi" und der Polizei. Die Jugendlichen hatten seit Tagen am Gebäude des Juzi ein umstrittenes Transparent über RAF-Häftlinge angebracht, das von unbekannten Tätern in der Nacht angezündet worden war. Sie richten Personen- und erheblichen Sachschaden an, u.a. besprühen sie das Alte Rathaus und den Gänselieselbrunnen mit Parolen.

6. April 1989

RAF-Sympathisanten verüben auf mehrere Gebäude - z.B. Juridicum, Staatsanwaltschaft - Anschläge und richten Schäden von ca. 10.000,- DM an. An den Wänden werden Parolen hinterlassen, die eine Zusammenlegung der RAF-Häftlinge fordern.

14. April 1989

RAF-Sympathisanten verursachen bei einem Brandanschlag auf ein Autohaus in Geismar einen Schaden von 700.000,- DM.

15. April 1989

Etwa 750 Demonstranten fordern bei ihrem zweistündigen Marsch durch die Innenstadt die "Zusammenlegung aller RAF-Gefangenen". Zu der bundesweiten Protestaktion für die Unterstützung der RAF-Gefangenen im Hungerstreik hatten die Grün-Alternativen-Liste (GAL), die Grünen, die DKP und ASTA-Gruppierungen aufgerufen.

17. November 1989

Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen "Skins" und "Autonomen" in der Bürgerstraße kommt es zu Eskalationen, in die die Polizei eingreifen muß. Während die Skins am Weender Tor in einen Stadtbus verfrachtet werden, geht die Auseinandersetzung der Polizei mit den zahlenmäßig angewachsenen Autonomen weiter. Dabei läuft die Studentin Kornelia "Conny" Weßmann (24 J.) auf die Fahrbahn, wird von einem Auto erfaßt und erliegt ihren Verletzungen.

18./19. November 1989

Demonstrationen der Autonomen an der Unglücksstelle Weender Landstraße, wo Cornelia Wissmann am 17.11. im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Autonomen zu Tode kam. Dabei werden Fensterscheiben von Bankgebäuden eingeworfen und Parolen an die Wände gesprüht.

25. November 1989

Nach der Trauerdemonstration für eine am vergangenen Wochenende getötete Studentin kommt es in der Göttinger Innenstadt zu schweren Krawallen. Dabei werden 97 Polizisten und einige Demonstranten z.T. schwer verletzt. An dem Schweigemarsch, zu dem auch Sozialdemokraten, Grüne, Gewerkschafter und Kirchenvertreter aufgerufen hatten, nehmen etwa 15.000 Demonstranten teil.

1. Juni 1990

Hausbesetzer bemächtigen sich des seit geraumer Zeit leerstehenden Gebäudes Kurze Str. 10, um gegen einen geplanten Abriß und gegen die herrschende Wohnungsnot in der Stadt zu protestieren. Die Polizei räumt das Haus, es kommt zu Auseinandersetzungen, bei der die Grünen der Polizei unrechtmäßige Übergriffe vorwerfen. Gegen die Besetzung des Hauses Theaterstr. 9 wird auf Anordnung des Oberstadtdirektors vorab nicht eingegriffen.

30. Dezember 1991

Fünfter Brandanschlag innerhalb einer Woche in der Stadt, Brand in der Diskothek der Grätzelstraße. Die Brände, zu denen sich eine "Anti-Deutschland-Liga-Autonome Gewaltherrschaft" bekennt, verursachten einen Gesamtschaden von ca. 2 Mill. DM.

31. Dezember 1991

Ohne Zwischenfälle verläuft am Silvesterabend eine Demonstration mit ca. 500 Teilnehmern, zu der autonome Gruppen unter dem Motto "Gegen Faschismus und Polizeiterror" aufgerufen hatten.

6. März 1992

Wegen randalierender Demonstranten der linken Szene (Autonome) im Ratssaal - es geht um Haushaltskürzungen im Jugendbereich - wird die Ratssitzung abgebrochen. Die ca. 160 Demonstranten greifen Ratsherren tätlich an, beschmieren die Wände und lärmen im Saal. Außer dem Vertreter der "Linken Liste" verurteilen alle Fraktionen diese Form der politischen Auseinandersetzung.

2. Mai 1992

Hausbesetzung Stegemühlenweg 22 durch ca. 70 junge Leute im Rahmen eines von ihnen veranlaßten Straßenfestes.

6. Juni 1992

Etwa 100 Autonome und militante Linke ziehen kurz vor Mitternacht durch die Stadt, werfen Scheiben ein und beschmieren Häuser mit Parolen. Polizisten werden mit Steinen und Leuchtspurmunition beworfen. Der Sachschaden beläuft sich auf 50.000 DM.

14. Juli 1992

Ohne Zwischenfälle räumt die Polizei das von Autonomen besetzte Haus am Stegemühlen-weg 22. In der Nacht davor hatten etwa 200 Autonome Barrikaden auf den umliegenden Straßen errichtet, doch gegen 9.00 Uhr verließen sie das Gebäude. Am Abend war das Haus nahezu vollständig abgerissen.

4. Februar 1993

Etwa 75 Autonome besetzen die Parteibüros von SPD, CDU und FDP aus Protest gegen die Änderung des Asylrechts und die bevorstehende Schließung des Frauen-Lesbenzentrums. Die Besetzer hängen Plakate und Transparente auf, besprühen Wände mit Parolen und beschädigen Inventar. Der Schaden beläuft sich allein im SPD-Büro auf 10.000,- DM.

9. August 1993

Mehrere Hundertschaften der Polizei räumen das Lesben-Zentrum in der Düsteren Straße. Bis zu 100 Personen aus der autonomen Szene halten sich vor dem Gebäude auf, um die Räumung zu verhindern. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

1./2. November 1995

Zu mehreren Anschlägen auf Bankfilialen und ein Autohaus (Schaden ca. 190.000 DM) bekennen sich unbekannte autonome Gruppen, die gegen die starke Polizeipräsenz der letzten Wochen protestieren. Außerdem soll diese Aktion einen "direkten Angriff auf den Staat" darstellen.