Pressespiegel


13 Juni 2007

Wohnheime verlieren an Selbstverwaltung

Studenten stellen sich quer: "Here to Stay" soll bestehende Mietverhältnisse bewahren


Im Herbst ist's aus mit der Selbstverwaltung. Zum Wintersemester will das Studentenwerk in den Wohnheimen Gotmarstraße, Rote Straße und Kreuzbergring die Mietverhältnisse „umstrukturieren" und angleichen an den Standard der anderen Wohnhäuser unter der Verwaltung des Studentenwerks. Bisher bestehende Kollektivmietverträge mit einem Hauptmieter sollen dann gekündigt und durch Einzelverträge ersetzt werden.

Die Umstrukturierung hat bereits protestfrei in mehreren Häusern stattgefunden, nun machen aber Bewohner mobil: Mit der Kampagne „Here to stay" wollen über 100 Studierende für ihre Selbstverwaltung kämpfen, den Status Quo aufrecht erhalten.

Status Quo, das bedeutet für sie ein Zusammenleben und Aussuchen der Bewohner nach eigenem Gusto und daraus resultierende Begeisterung an gemeinsamen Projekten. Oder wie es die Bewohner ausdrücken: „Ein verantwortungsvolles Miteinander, in dem Konflikte und Probleme gemeinsam und unter Berücksichtigung individueller Interessen gelöst werden"; anders als in einem komplett vom Studentenwerk verwalteten Wohnheim.

In einem solchen hätten die Bewohner nach Einschätzung der „Here to stay" Gründer wenig miteinander zu tun, weil sie sich nicht einander nach Sympathie und gemeinsamen Interessen „aussuchen" und somit Wohngemeinschaften bilden könnten. Die Bewohner befürchten, dass das gemeinsame Planen von Aktionen, dem Alltag, dem Studium und der Fürsorge untereinander weg fällt, wenn die Mieterzusammensetzung vom Studentenwerk organisiert wird. Ihr Horrorszenario sind anonyme Heime, in denen die Bewohner einander wenig zu sagen, noch etwas mit einander anzufangen wissen weil die Chemie nicht stimmt. Im Rahmen von „Here to Stay" sollen Infoveranstaltungen oder Demonstrationen auf den Verlust von Eigenverwaltung aufmerksam machen.

Das Modell eines Hauptmieters, wie es in den Häusern der Fall ist, stamme, so Christina Wathling-Peters, aus den 60er und 70er Jahren und sei „nicht mehr zeitgemäß". Wathling-Peters ist Leiterin des Studentenwerks. Sieben Semester solle ein Student üblicherweise in einem Studentenwohnheim leben, und ohne direkten Einfluss auf die Mietverhältnisse der Häuser, wie es momentan der Fall ist, habe man darauf nicht den gewünschten Einfluss. Sie verweist auf eine Liste von 1500 Studenten, die auf eine Wohnung warten würden. „Es soll ja niemand rausgesetzt werden", sagt sie, vorherige Wohnzeit solle bei einem neuen Einzelmietvertrag nicht angerechnet werden, verspricht sie. Aber: „Wie bisher geht es nicht mehr. Wir wollen da gleiches Recht für alle.


Von Kai Hasse

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" ist die Formel, nach der das Studentenwerk bisherige Mietverträge ändert. Das Werk hat kaum Informationen darüber, wer in den Wohnheimen, die unter Selbstverwaltung stehen, wohnt. Und auch die Wohnzeit soll unter die Kontrolle der höchsten Stelle fallen, um Wartenden zuverlässig ein Obdach versprechen zu können. Das Motiv ist nachvollziehbar, aber die Konsequenz ist schade.

Gerade Wohnheime unter Selbstverwaltung bieten oft ein buntes Programm an kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen, die in Eigeninitiative geplant werden. Das sind schöne Beispiele dafür, wie Studenten ihr Leben zusammen gestalten und dabei Kreativität, Teamarbeit und Kommunikation quasi „im Selbstversuch" trainieren ganz ohne theoretisches Seminar in der heute so hoch gehandelten „Sozialkompetenz".

Zwar gibt es auch Aufgabenteilung und studentische Mitverwaltung in „normalen" Studentenwohnheimen, diese reicht aber nicht an die rege Schaffenskraft von denjenigen heran, die sich auch persönlich einander in großen Gruppen suchen und finden. Allein die Kampagne „Here to Stay" ist ein Beispiel dafür. Ein buntes soziales Leben, wie man es von einer Studentenstadt wie Göttingen erwarten müsste, kann nicht gefördert werden, wenn Studierenden nicht der entschprechende Freiraum gelassen wird. Und das beginnt schon bei der freien Wahl des Flurnachbarn.