Pressespiegel


13 Juni 2007

ihr kriegt uns hier nicht raus!

Das Studentenwerk will den letzten selbstverwalteten, linken Wohnheimen in Göttingen die Verträge kündigen – die Bewohner kündigen im Gegenzug Widerstand an. Bislang wird die Neuauflage des Häuserkampfes auf dem Papier ausgetragen.


Jan Langehein

Göttingen, die Autonomenhochburg. Wer heute darüber nachdenkt, wo der Mythos herkommt, Göttingen sei ein bundesweites Zentrum der militanten, linksradikalen Szene, dem fallen vermutlich zwei Gründe ein: zum einen die Straßenschlacht und die Scherbendemo nach dem Tod Conny Wessmanns, die im Herbst 1989 von Polizisten angegriffen und auf der Flucht von einem Auto überfahren wurde. Zum anderen sind die Demonstrationen der Autonomen Antifa [M] mit ihrem behelmten Schwarzen Block noch genauso im Gedächtnis der Stadt präsent, wie der (erfolglose) Versuch des Staates, die Gruppe Mitte der 90er Jahre zu zerschlagen und ihre Mitglieder wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung zu verurteilen.

Der Ruf als Autonomenhochburg ist aber älter als die Antifa und auch älter als der Herbst 89; er entstand bereits in den frühen 80er Jahren durch den so genannten Häuserkampf der Hausbesetzerszene. Leerstehende Häuser zu besetzen, als kostenlosen Wohnraum zu beanspruchen und sich gegen Räumungsversuche der Polizei gewaltsam zu wehren – das war damals das Hauptaktionsfeld der noch jungen autonomen Szene; und tatsächlich war Göttingen neben Hamburg und Berlin eines der Zentren des Häuserkampfes. Massenbasis hatte die Szene damals wegen akuter Wohnraumknappheit unter Studierenden; Sympathie in der linksliberalen Bevölkerung erlangte sie z. B. durch den Widerstand gegen den Abriss des Reitstallviertels, das dem Carré weichen musste, und dessen Zerstörung schon nach damaligen Denkmalschutzmaßstäben anachronistisch war. Im Laufe der 80er Jahre baute das Studentenwerk neue Wohnheime; mit der materiellen Not verlor auch der Häuserkampf seine Bedeutung, und die Autonomen fanden im Kampf gegen die wachsende Naziszene ein neues Aktionsfeld.

Jetzt, nach gut 20 Jahren Ruhe an der Häuserfront, könnte das Thema „Linke und Wohnen“ unerwartet wieder aktuell werden: Das Studentenwerk hat damit begonnen, den letzten selbstverwalteten Wohnheimen in Göttingen die Kollektivmietverträge zu kündigen, und damit stehen Strukturen vor dem Aus, die seit teilweise über 30 Jahren als Dreh- und Angelpunkte der linken Szene fungieren. Betroffen sind unter anderem die Häuser Rote Straße 1 bis 5, mehrere Häuser im Kreuzbergring und zwei Adressen in der Gotmarstraße; insgesamt erwartet über 100 Bewohner die Kündigung. In allen Häusern sind Wohngemeinschaften untergebracht, die bislang einen gemeinsamen Mietvertrag hatten und über Neueinzüge bzw. Auszüge selbst entscheiden konnten.

Das Studentenwerk möchte eine Kritik des Landesrechnungshofes zum Anlass nehmen, Einzelmietverträge und Wohnzeitbegrenzungen einzuführen, um danach wieder selbst entscheiden zu können, wer wo und wann ein- oder auszieht. Die Bewohner haben als Reaktion auf entsprechende Ankündigungen eine Kampagne ins Leben gerufen, mit der sie den Widerstand gegen das Ende der Selbstverwaltung organisieren wollen. Unter dem Motto „Here to stay – selbstverwaltete Strukturen verteidigen“ fordern sie, bereits ergangene Kündigungen im Kreuzbergring rückgängig zu machen und den Status quo beizubehalten. Die Pläne des Studentenwerks bezeichnet Hannah Ehlers, Sprecherin der „Here to stay“-Kampagne, als „Angriff auf jahrelang gewachsene Strukturen und Versuch, die soziale Kontrolle zu forcieren.“

Tatsächlich würde das Studentenwerk mit seinen Plänen die Ergebnisse einer Auseinandersetzung zu revidieren versuchen, die noch vor dem Häuserkampf der Autonomen stattfand, aber als dessen direkter Vorläufer gelten kann: Im Laufe der 70er Jahre opferte die Stadtverwaltung eine ganze Reihe älterer Gebäude, die dem damaligen Städtebau-Ideal im Wege standen. Unter anderem sollten die Gründerzeithäuser an der Südseite des Kreuzbergrings dem vierspurigen Ausbau der Straße weichen, und das Eckhaus Rote Straße/Burgstraße mit seinen sechs Groß-WGs sollte durch einen Neubau ersetzt werden. In beiden Fällen weigerten sich damals die Bewohner, den Abriss zuzulassen; in beiden Fällen erreichten sie nach langen Verhandlungen den Erhalt der Häuser und setzten die Kollektivmietverträge durch, die das Studentenwerk jetzt kündigen will.

Nicht dieselbe linke Szene In der aktuellen Auseinandersetzung geht es den Bewohnern nicht mehr um den Erhalt der Gebäude, den heute niemand mehr in Frage stellt. Es geht ihnen um den Erhalt ihres Lebensstils, der Wohnen und Politik miteinander verbindet, und der ohne die selbstverwalteten Häuser nicht länger aufrecht zu erhalten wäre. Auf ihrem Blog „rotestrasse.blogsport.de“ schreiben die Bewohner der Rote-Straße-Häuser, durch Einzelmietverträge und Wohnzeitbegrenzung entstünden auch in den bislang selbstverwalteten Gebäuden anonyme Wohnheime, die ihre Funktion als Treffpunkte zum Diskutieren und als Infrastruktur für die linke Szene verlören. Das habe Folgen für die politische Kultur der Stadt: Ohne die Häuser bestehe die Gefahr, „dass auch Göttingen zu einem studentisch geprägten Provinzkaff mit öde konformistischem Klima wird, wie dies in manch anderer einstmals ‚linken Unistadt’ schon längst geschehen ist“. Wegen einschlägiger Erfahrungen mit früheren Kündigungen habe das Studentenwerk davon ausgehen können, dass auch die aktuellen Fälle einfache Verwaltungsakte seien, heißt es in dem Text; für die Bewohner gehe es aber um eine politische Auseinandersetzung: „Jeden Eingriff in den Status Quo betrachten wir als eine qualitative Verschlechterung unserer Wohnsituation, eine Verschlechterung, die wir nicht einfach hinnehmen werden.“

Göttingen hat also tatsächlich wieder einen Häuserkampf, allerdings einen, der bislang nur über Briefe, Verhandlungen und Flugblätter ausgetragen wird. Ob das so bleibt, ist derzeit schlecht einzuschätzen; sicher ist nur, dass sich die 80er Jahre nicht wiederholen werden – sowohl die Wohnraumsituation in Göttingen als auch Struktur und Größe der linken Szene haben sich zu stark verändert (damals gingen Tausende für den Erhalt der Häuser auf die Straße). Der Rest hängt von der Entschlossenheit beider Parteien ab, ihre jeweiligen Ziele durchzusetzen: Will das Studentenwerk die Kollektivmietverträge auch dann loswerden, wenn wegen einer öffentlichen Auseinandersetzung ein Imageschaden droht? Und meinen die Bewohner der noch selbstverwalteten Häuser ihre Warnung ernst, die Kündigungen „nicht einfach hinzunehmen“ und setzen sich, in welcher Form auch immer, dagegen zur Wehr?

Erst einmal feiern die Häuser in der Roten Straße Geburtstag: Im August wollen aktuelle und ehemalige Bewohner anstoßen auf 35 Jahre Rettung des Gebäudes und damit auch auf 35 Jahre Selbstverwaltung. Es ist klar, dass sie auch darauf trinken werden, im nächsten Jahr noch den 36sten feiern zu können – und es ist eher unwahrscheinlich, dass das Studentenwerk zu der Party eingeladen ist.


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