Pressespiegel


VIER GÖTTINGER STUDENTENWOHNHEIME STREITEN FÜR IHRE SELBSTVERWALTUNG

Ende des selbstbestimmten Wohnens

Das Göttinger Studentenwerk begann in den vergangenen Jahren, die bereits vor Jahrzehnten geschlossenen Kollektivverträge der selbstverwalteten Studentenwohnheime aufzukündigen, um durch konventionelle Einzelmietverträge wieder mehr Einfluss auf Mieter und Mietdauer zu erhalten. Die über 100 Bewohnerinnen der letzten vier selbstverwalteten Wohnheime traten im Mai 2007 an die Öffentlichkeit. Sie starteten die Kampagne: »Here to stay — selbstverwaltete Strukturen verteidigen«. Seither versuchen die Wohnheimaktivisten, ihre teilweise seit den frühen 1970er Jahren bestehende Selbstverwaltung zu erhalten.


Johannes Feldmann, Redaktion Göttingen • Der 29-jährige Politikstudent Stefan Schneider wohnt gemeinsam mit sieben Erwachsenen und einem Kind im Wohnheim in der Gotmarstraße. Weitere derzeit noch selbstverwaltete Wohnheime befinden sich in der Goßlerstraße, der Roten Straße und dem Kreuzbergring.
Die Selbstverwaltung in Stefans Wohnheim soll beendet werden, wenn es nach dem Willen des Göttinger Studentenwerks geht. Laut »Here to stay« - Website , sagte Christina Wathling-Peters, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Studentenwerks, die selbstverwalteten Wohnheime seien »nicht mehr zeitgemäß«. Eine Aussage, die möglicherweise zutrifft, wenn man nur die Entstehungsgeschichte der Wohnhäuser betrachtet.
Bereits Ende der 50er Jahre entwickelte sich die Göttinger Georg-August-Universität zunehmend zur Massenuniversität. Die Zahl der Studenten stieg von knapp 6.000 im Jahre 1959 auf mehr als 10.000 im Jahre 1965. Doch während der Ausbau der Universitätsgebäude massiv vorangetrieben wurde, um den enormen Andrang von Studenten zu bewältigen, wurden Verbesserungen der studentischen Wohnsituation vernachlässigt. Gerade in Universitätsnähe und in der Innenstadt wurde Wohnraum immer knapper, denn auch die Gesamtbevölkerung stieg. Im gesamten Stadtgebiet ergriffen Studenten und andere Wohnungssuchende zur Selbsthilfe. Sie besetzten abrissgefährdete Häuser und begannen mit deren »Instandbesetzung«.


Provisorische Wohnheime in Äbrissgebäuden

Um zur Entschärfung der Wohnsituation beizutragen, entschloss sich das Studentenwerk Anfang der 70er Jahre zum sogenannten »Göttinger Modell«. Zur Linderung der Wohnungsnot wurden noch bewohnbare, aber abrissgefährdete Gebäude angemietet und den Studenten als provisorische Wohnheime zur Verfügung gestellt. Auch die Gotmarstraße 9 wurde so zum Wohnheim. Ein langfristiges Mietverhältnis war hierbei jedoch nicht beabsichtigt. Das Studentenwerk suchte lediglich nach einer kurzfristigen Entlastung des Wohnungsmark¬tes. Die Befristung dieser Maßnahme spiegelte sich schon in einer Vertragsklausel wider. Die Klausel besagte, das Studentenwerk sei im Falle eines Abrisses nicht verpflichtet, Ersatzraum zu stellen.
Den Bewohnern wurden die neuen Wohnheime in freier Selbstverwaltung überlassen. Das Studentenwerk vergab sogar zinsfreie Kredite an die Bewohner des Kreuzbergring-Wohnheims. Die Kredite wurden zum Kauf von Baumaterialien genutzt, um das Haus in Eigenarbeit für Wohnzwecke herzurichten.
Das Wohnheim Gotmarstraße 9 wechselte von 1972 bis 1993 mehrfach den Eigentümer und war mehrmals der Gefahr ausgesetzt, abgerissen zu werden. Während dieser Zeit bewohnten die Studentinnen weiterhin das Haus. Im Sommer 1990 schloss der von ihnen begründete »Verein für kommunikative Wohnformen e.V. « einen kollektiven Mietvertrag mit dem Studentenwerk ab.


Kollektivverträge als Segen

Für die Bewohner erwies sich dieser Kollektivvertrag als wahrer Segen. Sie unterlagen nahezu keinen Mietauflagen und durften ihre Mitbewohner selbst auswählen. In der Gotmarstraße darf laut derzeit gültigem Vertrag jeder wohnen, der studiert, sein Studium beendet hat oder beabsichtigt, zu studieren. So weitreichende Freiheiten genießen nicht einmal die anderen drei selbstverwalteten Wohnheime.
Die Bewohner von konventionellen Wohnheimen, die dem Studentenwerk direkt unterstehen, haben keinen nennenswerten Einfluss auf ihre Zimmernachbarn. So wuchsen die Gotmarstraßen-Bewohner im Laufe der Jahre zusammen: Zum einen durch das gemeinsame Erstreiten und Verteidigen ihres Wohnraums und zum anderen durch die Möglichkeit sich zukünftige Mitbewohner selbst auszuwählen. Die Gemeinschaft wird dementsprechend groß geschrieben. »Wir kaufen gemeinsam ein, wir entscheiden alles zusammen, wir renovieren zusammen - wir leben zusammen«, erklärt Stefan Schneider. Durch das angekündigte Aufkündigen der alten Kollektivverträge drohen weitreichende Veränderungen für die Bewohner. In den neuen Einzelverträgen will das Studentenwerk Einfluss auf die Auswahl der Bewohner nehmen und die JVlietzeit auf maximal sieben Semester begrenzen. Durch diese »Zwangszusammenführung« und die verkürzte Wohndauer scheint absehbar, dass die Bewohner der selbstverwalteten Häuser zukünftig ähnlich anonym nebeneinander leben werden, wie die Studentinnen auf konventionellen Wohnheimfluren. »Wir sind halt kein normales Wohnheim, sondern eher wie eine enge WG«, veranschaulicht Stefan Schneider.


Unterstützung durch Hoffest

Alle Bewohner der vier selbstverwalteten Göttinger Wohnheime wehren sich dagegen, in Einzelmietverträge gepresst zu werden. Die Mitglieder von »Here to stay« fordern, dass Ihre Wohnsituation so bleibt, wie sie ist.
Diverse Göttinger Veranstaltungen unterstützen die Forderung der »Here to stay«-Kampagne: So das Hoffest des Wohnheims in der Roten Straße, das 25-jährige Jubiläum des Jügendzentrums Innenstadt (JUZI), eine Demonstration am 11. August 2007 in der Göttinger Innenstadt sowie die geplante »OpenUni«, ein autonomer Tag der offenen Tür an der Universität.
Ob sich das Studentenwerk noch zum Einlenken bewegen lässt, bleibt abzuwarten. Die Vertragskündigung an die Bewohner der Goßlerstraße wurde bereits verschickt. Die Kündigungen für die anderen selbstverwalteten Wohnheime scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.
Die Homepage von »Here to stay« gibt sich jedoch kämpferisch und verspricht »Da geht noch einiges...«. Und um einiges geht es, ohne Zweifel. Stefan und die meisten seiner Mitbewohner würden heute nicht in der Gotmarstraße 9 leben, wenn sich das Studentenwerk schon früher mit seinen Forderungen durchgesetzt hätte.
Die meisten Bewohner haben das siebte Semester bereits überschritten, sie sind Doktoranden oder haben das Studium bereits beendet. Sie passen nicht in das Bild, das sich das Studentenwerk für die Zukunft der Göttinger Wohnheime vorstellt.


CONTRASTE