Die Häuser


Rote str. & Burgstr.

Gotmarstr.

Kreuzbergring

Goßlerstr.


Die Häuser Rote Straße 0-5


Besetzt – Selbstverwaltet – Selbstbestimmt:

Entstehungsgeschichte des selbstverwalteten Wohnheims Rote Straße


Die Häuser in der Roten Straße 0-5 sind aus dem mittelalterlichen Stadtbild, einem der Aushängeschilder der Stadt nicht mehr weg zu denken. Sie verkörpern eine lange Geschichte der Stadtentwicklung und unterschiedlichen Nutzung abzulesen ist. Im 16. Jahrhundert als Franziskaner-Kloster errichtet dienten sie in den folgenden Jahrhunderten als Schule, als Lazarett oder als Wohnhäuser. Heute kommt auch das Studentenwerk nicht herum, auf seiner Internetseite auf die historische Bedeutung der Gebäude hin zu weisen: Mit dem Erhalt der Häuser habe das Studentenwerk „einen bundesweit beachtlichen Beitrag zum Erhalt des Stadtbildes von Göttingen“ geleistet.

Dezent werden die eigenen Abrisspläne dabei aus der Geschichtsschreibung des Studentenwerks heraus gehalten:

Anfang der 1970er fassten Universität und Studentenwerk trotz Wohnungsnot und im Gleichschritt mit dem großflächigen Abriss von Altbauten in der Innenstadt den Entschluss, an Stelle der Häuser ein modernes Studentenwohnheim mit Wohnklo-Atmosphäre zu errichten - doch soweit kam es nicht.

1970/71 begann die Uni mit der Entmietung der Häuser. Den Bewohner_innen, Unibedienstete und deren Familien sowie Student_innen sollten für den Abriss ausziehen. Im Juni 1971 standen die Häuser in der Roten Staße leer - bis auf eines. Die Student_innen weigerten sich ohne adäquaten Ersatz auszuziehen.

Zur gleichen Zeit kam es in Göttingen zu den ersten Besetzungen, vor Allem aufgrund der miesen Situation am Wohnungsmarkt, der großen Wohnungsnot unter Studierenden aber auch als direkter Widerstand gegen den flächenmäßigen Abriss von günstigem Wohnraum in den Innenstadt.

Vorgemacht wurde es in Berlin: Nach der Besetzung des Bethaniens wurde in Göttingen zunächst ein Haus in der Goßlerstraße besetzt. Es folgte kurz darauf die Besetzung der Kulp-Häuser, die jedoch an einem großen Polizeiaufgebot scheiterte. Kurzerhand wurde danach „die Rote Straße“ besetzt und die neuen Bewohner_innen begannen mit Renovierungsarbeiten.

Das Studentenwerk übernahm daraufhin die Verwaltung der Gebäude und legalisierte die Besetzung mit Verträgen nach dem "Göttinger Modell"

Mit dem "Göttinger Modell" begegneten Stadtverwaltung und Studentenwerk der studentischen Wohnungsnot und dem zunehmenden Widerstand gegen die "Flächensanierung" in der Innenstadt. Leerstehende Häuser, die zum Abriss bestimmt waren, wurden so lange an StudentInnen vermietet, bis die geplanten Neubauprojekte unter Dach und Fach waren. Somit waren die Häuser gegen Besetzungen geschützt und zugleich die Wohnungsnot etwas zugedeckt.  Die Mietverträge vermieden allerdings Schutzklauseln und alles, was den Mieter_iInnen zumindest ein Mindestmaß an Mietrecht zugestand. Aus diesem Grund bildete sich 1972 der "Mieterausschuss der Abbruchhäuser" als Versuch, die unterschiedlichen Wohnheime des “Göttinger Modells” zu vernetzen:

"Wir müssen deshalb alle Mieter, die die Stadt wegsanieren will, auffordern in ihren Häusern zu bleiben, und sie unterstützen, wenn sie sich gegen die Kündigungen und die Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen wehren."

Sachverständige stellten 1975 in einem von dem Studentenwerk in Auftrag gegebenen Gutachten die “Abrisstüchtigkeit” der Häuser der Roten Straße fest. Die Bewohner_innen, welche sich mittlerweile in "größerem Rahmen" trafen, konterten mit einem Gegengutachten, das die gute und erhaltenswerte Bausubstanz der Häuser hervorhob und vertraten ansonsten die Position, dass sie für den Abriss der Häuser nicht ausziehen würden.

Nach mehr als zwei Jahren der Auseinandersetzung mit dem Studentenwerk erreichten die BewohnerInnen den Erhalt der Häuser. Allerdings entfachten daraufhin neue Streitigkeiten über der Frage der Renovierung der Häuser:

"Beinahe hätte man nur noch die Hülle der Häuserzeilen übriggelassen; mit eingebautem Studentensilo zum Inhalt, Waschbecken aufm jedem Zimmer und so..."

Durch die Entschlossenheit der Bewohner_iInnen und unter dem Eindruck weitere Besetzungen in der Stadt sah sich das Studentwerk zum Einlenken gezwungen. Eine Sanierung wurde beschlossen und deren Ausgestaltung von den BewohnerInnen der Häuser mitbestimmt.

Noch vor der Sanierung in der zweiten Jahreshälfte 1977 wurden nach zähen Verhandlungen die neuen Mietverträge abgeschlossen, die bis heute - 30 Jahre später - Bestand haben.

Dies sind Kollektivmietverträge mit den jeweiligen Häusern, die in Form von Gesellschaften bzw. Vereinen organisiert sind, Entscheidungen über neue Mitbewohhner_innen treffen die WGs, eine entsprechende Klausel im Vertrag ermöglicht es auch Nicht-Studenten, in den Häusern zu wohnen.

Die Haus-WGs wohnen seitdem weitgehend selbstverwaltet.

Das Besondere an der Roten Straße ist: hier geht es nicht nur um ein Haus, sondern gleich um einen ganzen Block. Zwischen 50 und 60 Menschen leben hier, vernetzen sich, unterstützen sich gegenseitig und organisieren sich gemeinsam.

Das soll jetzt – nach Plänen des Studentenwerks – anders werden: Dieses Zeug aus den 70er Jahren sei "nicht mehr zeitgemäß", meint die neue Chefin des Studentenwerks, Christina Wathling-Peters.